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Grausame und gewalthaltige Bilder aus dem Krieg – zeigen oder nicht zeigen?

Die Presse ist längst nicht mehr ein Filter für die Nachrichten[1] – und auch nicht mehr dafür, dass und welche Bilder (bewegt und unbewegt) die Öffentlichkeit erreichen. Und so finden sich Bilder aus dem Ukraine-Krieg mittlerweile überall: in klassischen Medien (Fernsehen, Zeitschriften, Zeitungen), im Internet und hier sowohl auf journalistischen Websites als auch in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Twitter und, ja, auch (und immer mehr) bei TikTok, das vornehmlich von Kindern und jüngeren Jugendlichen genutzt wird. Die Bilder stammen von professionellen Fotojournalist*innen, Beteiligten am Krieg (Soldaten, Helfer usw.), von Menschen, die im Kriegsgebiet wohnen.

Kriegsbilder auf TikTok; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell

Kriegsbilder auf TikTok; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell

Wenn Medien über schreckliche Ereignisse berichten – Erdbeben, Krieg, Hungersnöte etc. – ist die Diskussion, was in Bild und Video gezeigt werden sollte oder darf und was nicht, meist auch schon auf dem Weg. Spätestens nachdem die New York Times Anfang März 2022 das Bild der Fotografin und Pulitzer-Preisträgerin Lynsey Addario (s. o.) auf die Startseite gesetzt hat, das eine tote Familie auf einer Straße in der ukrainischen Stadt Irpin zeigt, begann die Diskussion über dieses Thema erneut.

Mit Bezug auf den Pressekodex, also den journalistisch-ethischen Grundregeln des Deutschen Presserats, verweisen einzelne Artikel einerseits auf die Frage nach der Würde der Getöteten, andererseits auf die Wirkungen solcher Bilder auf Kinder und Jugendliche. Ein paar Beispiele:

  • Andrej Reisin beschreibt in seinem Kommentar für uebermedien.de zunächst die Beweggründe der Fotografin und der Redaktion der New York Times, das Bild sogar ohne Verpixeln der Gesichter abzubilden, betont aber die anderen ethischen Maßstäbe in Deutschland. Mit Blick auf die Aussage des überlebenden Vaters der getöteten Familie, der die Veröffentlichung für wichtig und vertretbar hält, schlussfolgert Reisin, dass es offensichtlich „zwischen der Moral des Publikums (oder eines Großteils) und dem tatsächlichen Empfinden der Angehörigen von Opfern“ eine klaffende Lücke gebe. Er räumt aber ein, dass solche Kriegsbilder für traumatisierte Menschen in Deutschland durchaus schwerwiegende Folgen haben könnten, und empfiehlt Warnhinweise für Social-Media-Beiträge. Fazit: Die Würde dieser Opfer werde „nicht wiederhergestellt, wenn wir beschämt ihre Gesichter verpixeln. Wir machen das Geschehene damit nur etwas erträglicher – für uns.“[2]
  • Anders beurteilt dies Dario Veréb in der Neuen Zürcher Zeitung: Da Bilder immer nur einen kleinen Ausschnitt von den Ereignissen zeigen können, muss eine kritische Quellen- und Faktenprüfung sowie Kontextualisierung hinzukommen – und gerade das habe die New York Times nicht geliefert. Die Umstände und die Identität der Toten sei nicht geprüft worden, so dass der überlebende Vater, der nicht mit seiner Familie unterwegs war, über das Foto vom Tod seiner Frau und seiner Kinder erfahren musste. Auch wenn der Vater im Nachhinein mit der Veröffentlichung einverstanden war, habe die Zeitung „journalistisch fahrlässig“ gehandelt. Veréb zitiert zudem die Berliner Kunsthistorikerin Charlotte Klonk, die grundsätzlich bezweifelt, dass zur Darstellung des Kriegsgrauens solche Bilder notwendig seien.[3]
  • Der Standard aus Österreich führt verschiedene Einschätzungen an: Der deutsche Medienwissenschaftler Christian Schicha kritisiert vor allem, dass die getöteten Menschen identifizierbar gewesen seien. Da das Foto direkt auf der Startseite abgebildet war, sei es für Kinder und Jugendliche frei zugänglich gewesen, die „durch so eine Aufnahme verstört oder traumatisiert werden“ könnten. Die Kriegs- und Krisenreporterin Petra Ramsauer hingegen meint, dass solch ein Bild als „zeithistorisches Dokument der Kriegsverbrechen Russlands“ und „Paradebeispiel für den Bruch jeglichen Völkerrechts“ gezeigt werden sollte.[4]
  • Marlis Prinzing, Journalismusforscherin und Professorin an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, beschreibt in einem Gastbeitrag auf meedia.de den Spagat zwischen der Verpflichtung, Kriegsverbrechen zu dokumentieren, und der Veröffentlichung von Bildern mit Menschen voller Todesangst, mit Sterbenden oder Leichen. Sie stellt klar: „Es gibt kein Schwarz-Weiß, sondern stets Bandbreiten zwischen jenen, die mehr zumuten, und jenen, denen vieles zu viel ist.“ Wichtig sei für Journalist*innen, die Grundzüge ihrer Berufsethik zu kennen und zu trainieren, um schließlich Entscheidungen treffen zu können.[5]

Guido Schmidtke, der Bildredakteur des Magazins Stern, erklärt, dass ein Foto „meist einen schnelleren und stärkeren Eindruck auf die Betrachter:innen ausüben [kann] als ein umfangreicher Text. Emotionen werden direkter transportiert, Unfassbares wird zur Realität.“[6] Etwas im Bewusstsein Nicht-am-Krieg-Beteiligter zur Realität werden lassen – das versuchen natürlich auch Nicht-Journalist*innen, die mit ihrem Smartphone das Kriegsgeschehen fotografieren oder filmen und die Bilder über soziale Netzwerke und Messenger verbreiten. Sie möchten aus nachvollziehbaren Gründen das „realistische“ Geschehen vor Ort aufzeigen – machen sich dabei aber vielfach weniger Gedanken um die oben angesprochenen Themen: wie Bilder wirken, wie sie wirken, wenn sie ohne Kontext, ohne kritische Quellen- und Faktenprüfung auf dem Bildschirm erscheinen, wie sie individuell (zum Beispiel auf eine Person, die bereits Kriegserfahrungen hat) wirken, inwieweit die Bilder überhaupt die Realität abbilden können und was ethisch vertretbar und damit zeigbar ist.

Verweise


[1] Martin Schuster: Fotopsychologie. Fotos sehen, verstehen, gestalten. 3. Auflage. Berlin 2020, S. 183.


[2] Andrej Reisin: Bilder des Krieges. Warum wir zeigen sollten, was wir nicht sehen wollen. Kommentar auf den Seiten von Übermedien online unter: https://uebermedien.de/69348/ukraine-bilder-des-krieges-warum-wir-zeigen-sollten-was-wir-nicht-sehen-wollen/ (vom 12.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[3] Dario Veréb: Krieg in der Ukraine: Dürfen Medien die Gesichter von Toten zeigen? Online auf den Seiten der NZZ unter: https://www.nzz.ch/fotografie/wenn-der-tod-einzug-gebietet-ld.1674836 (vom 21.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[4] Oliver Mark: Verstörende Fotos: Wie sollen Medien die Brutalität des Krieges zeigen? Online auf den Seiten des Standards unter: https://www.derstandard.de/story/2000133906675/verstoerende-fotos-wie-sollen-medien-die-brutalitaet-des-krieges-zeigen (vom 03.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[5] Marlis Prinzing: Ukraine-Krieg: Bilder, die wir sehen müssen. Gastbeitrag vom 24.03.2022 online auf meedia.de unter https://meedia.de/2022/03/24/ukraine-krieg-bilder-die-wir-sehen-muessen/ (abgerufen am 31.03.2022).


[6] Guido Schmidtke: „‘Auch die schlimmen Situationen vermitteln‘: stern-Bildredakteur über den Umgang mit Bildern aus dem Krieg“. Interview vom 28.03.2022 online auf stern.de unter: https://www.stern.de/fotografie/stern-bildredakteur-erklaert-im-interview-den-umgang-mit-kriegs-bildern-31737038.html (abgerufen am 05.04.2022)

Erinnerung und Emotion

Ein paar Gedanken zur Wahrnehmung von Bildern

Wo waren Sie, als es passierte? Mit wem haben Sie damals als erstes darüber gesprochen? Was haben Sie in dieser Situation gedacht? Wer alt genug war, die Tragweite des Anschlags auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 zu erkennen, kann diese Fragen meist recht detailliert beantworten. Im Gedächtnis haften blieb meist nicht nur das Ereignis an sich, das innerhalb von wenigen Minuten die Medien beherrschte, sondern auch der individuelle Aufenthaltsort, die Tätigkeit, die man gerade ausgeübt hat, die ersten Gedanken und Gespräche.

Bltzlicht von einem Smartphone; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell

Bltzlicht von einem Smartphone; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell


In der psychologischen Fachliteratur wird dafür oft der Begriff „Flashbulb memories“ verwendet, deutsch „Blitzlichterinnerungen: „(…) detailgenaue lebhafte Erinnerungen an Weltereignisse (…), also Erinnerungen an dramatische Geschehnisse, die emotional bewegt haben. Erinnert werden langfristig sehr viele Umstände und Details von persönlichen dramatischen Ereignissen, die eine Person mit dem Ereignis verbindet.“[1]
Dem Visuellen kommt hierbei eine große Bedeutung zu: Fotos und Videos von dem Anschlag rufen immer wieder unsere Emotionen und Erinnerungen hoch, die wir gehabt haben – oder glauben, gehabt zu haben, denn teilweise werden die Erinnerungen im Nachhinein auch emotional überladen.[2] Spannend, aber spekulativ ist die Überlegung, welche Bilder des gegenwärtigen Krieges solche Wirkungen haben werden: Ist es das Bild der schwangeren Frau, die in Mariupol auf einer Bahre aus einer zerbombten Entbindungsstation getragen wird, umgeben von zerstörten Häusern? Oder die Fotografie der Pulitzer-Preisträgerin Lynsey Addario, die eine tote Familie auf einer Straße in der ukrainischen Stadt Irpin zeigt? Oder sind es die Bilder der beiden sich völlig unterschiedlich präsentierenden Präsidenten Putin und Selenskyj?
Das Thema „Flashbulb memories“ zeigt bereits: Wenn wir uns ein Bild oder ein Video anschauen, ist das nicht nur ein mechanischer Vorgang, eine 1:1-Abbildung der Szene auf der Netzhaut unserer Augen. Unser Gehirn ordnet eine Szene immer in einen gewissen Rahmen ein, der individuelle und gesellschaftliche Seiten hat: Im Prinzip sieht jeder Mensch ein Bild anders – weil jeder mit einer individuellen Sozialisation, eigenem Vorwissen und auch mit einer gewissen, teilweise vielleicht nur momentanen Emotionalität darauf schaut. Weil es aber Ähnlichkeiten der Sozialisation in einer Gesellschaft gibt, zeigen sich auch Ähnlichkeiten bei der Wahrnehmung, also bei dem, was die Mehrheit der Gesellschaft sieht und für die Realität hält. Menschen vor 100 Jahren hätten ein modernes Foto anders „gesehen“ – also wahrgenommen inklusive Einordnung und Interpretation – als Menschen unserer an Bildern so reichen Gegenwart. Personen aus einem anderen Kulturkreis, egal ob „anders“ zeitlich oder räumlich gemeint ist, sehen auf und in einem Bild (womöglich grundlegend) anderes.
Die Möglichkeit, dass Fotografien und Videos in unserer digitalen Gesellschaft für alle Menschen „sichtbarer“ geworden sind, aber auch, dass jede*r eigenes Bildmaterial erstellen und veröffentlichen kann, führt laut dem Psychologen Martin Schuster dazu, dass die Menschen „etwas ‚gleicher‘“ werden: Die individuelle Interpretation von Bildern nehme ab, „das kollektive Bildbewusstsein“ zu.[3] Ein Nachteil dieser Entwicklung: Auch manipulierte, verfälschte Bilder und Videos (Deep Fakes) bzw. die bewusste Einbettung von Bildmaterial in falsche Zusammenhänge nehmen zu – und damit einhergehend auch das generelle Misstrauen in Bildmaterialien sowie die Forderungen nach mehr Medien- und Informationskompetenzvermittlung.
Aufbauend auf diesen Informationen soll nachfolgend die derzeitige Bilderflut zum Ukraine-Krieg anhand von Presseartikeln nachverfolgt und kommentiert werden.



Verweise


[1] Werner Stangl: Flashbulb memories. In: Ders.: Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. https://lexikon.stangl.eu/498/flashbulb-memories (abgerufen am 31.03.2022). Siehe auch: Martin Schuster (Fotopsychologie. Fotos sehen, verstehen, gestalten. 3. Auflage. Berlin 2020, S. 62), der zudem einen Begriff mit ähnlicher Bedeutung erwähnt: „Now-print-Mechanismus“.


[2] Schuster (2020, s. o.), S. 63.


[3] Schuster (2020, s. o.), S. 181.