Februar 2021

Clubhouse: „Elite-App“, Datenschutz und Plaudereien

Seit einigen Wochen ist auch in Deutschland die App „Clubhouse“ ein großes Gesprächsthema – spätestens nachdem Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im Club ausplauderte, dass er in den Corona-Kanzlerin-Runden „Candy Crush“ spiele. Der Medienbildungshub blickt zurück.

Notizblock

Notizblock „Kanzlerrunde“ und Spiel Candy Crash; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell

Im Frühjahr 2020 entwickelte sich in den USA ein wahrer Hype um Clubhouse, so dass die App im Mai 2020 auf der US-amerikanischen Seite wired.com als „die App der Stunde“ bezeichnet wurde. „E-40 [ein bekannter Rapper aus den USA] hopped on Clubhouse to share thoughts about the future of rap, and MC Hammer [ein weiterer bekannter Rapper] joined a conversation about how the new coronavirus has affected prison populations.“ Alle konnten den Ausführungen lauschen und ggf. in direkten Kontakt mit den Stars treten – also zumindest alle, die, auf welchen Wegen auch immer, eine Einladung in das „Clubhouse“ bekommen hatten (eine Grundvoraussetzung zur Nutzung der App). Und so wurde geschwärmt von interessanten Unterhaltungen mit Prominenten oder von intimen Gesprächen mit Fremden über die Liebe.[1]

Was ist Clubhouse? Wie wird man Mitglied?

Im Januar 2021 ist die App auch in Deutschland angekommen. Noch vor der Ramelow-Geschichte spricht tagesschau.de vom „Clubhouse-Fieber“.[2] Das Technikmagazin Chip fühlte sich dazu berufen, den Leser*innen zu erklären: „Hype-App Clubhouse: Was ist das & wie kommt man rein?“[3]

Kurz: Zuhören und mitreden – Clubhouse ist ein Live-Podcast, ein Voice- oder Sprachchat, ein „soziales Netzwerk“, eine „öffentliche […] Telefonkonferenz“.[4]

Eine Anmeldung für die App ist nur nach einer Einladung durch ein Mitglied möglich. Nach der Anmeldung darf man zunächst zwei weitere Personen einladen. Wer aktiv am Geschehen im Clubhouse teilnimmt, erhält die Erlaubnis, weitere Einladungen auszusprechen.

Dieses System sowie die Tatsache, dass die Clubhouse-App zunächst (und bis heute, Stand 19.02.2021) nur für iOS-Geräte verfügbar ist, ließen wiederholt den Begriff „Elite-App“ aufkommen. Politiker und TV-Prominente tummeln sich hier, erzählen aus dem Nähkästchen oder diskutieren über Politik, Wirtschaft, Sport. Influencer stellen sich den Fragen ihrer exklusiven Fans. Eingeladen werden meist nur solche Personen, die zum eigenen ‚Dunstkreis‘, zur eigenen ‚Filterblase‘ gehören. Und so findet sich im Clubhouse, so Spiegel online, (noch) „kein AfD-Spitzenmann, kein Attila Hildmann“.[5] Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali zum Beispiel sei schon dabei – steht der Ab- und Ausgrenzung aber zwiegespalten gegenüber: Einerseits lasse sich gut und ruhig diskutieren, andererseits werden halt Menschen und Meinungen außen vor gehalten. Zudem seien, so ihre Kritik weiter, im Clubhouse „Inhalte und Speaker für umsonst zu bekommen“. Die Folgen zeigen sich schon in den USA: „Laut ‚New York Times‘ überlegt das Unternehmen in den USA bereits, seine wertvollsten Moderatoren zu bezahlen, damit sie der App treu bleiben.“[6] Das freilich könnte den (für manche gerade deshalb großen) Reiz der App zerstören.

Nach Auskunft der Entwickler soll sich die App in Zukunft allerdings allen Interessierten sowie Android-Nutzer*innen öffnen[7] – Zeitpunkt offen.

Thema Datenschutz

Schon früh wurde in Deutschland Kritik zum Umgang der App mit dem Datenschutz laut. Clubhouse greift bei der Anmeldung auf die Kontakte im Adressbuch zu, bei einer Anmeldung über einen Social-Media-Account auf die Listen der Follower und Freunde.

„Diese Praxis war bereits bei WhatsApp von Datenschützern in Europa heftig kritisiert worden, weil die Anwender eigentlich zuvor jeden einzelnen Kontakt um Erlaubnis fragen müssten, bevor die persönlichen Daten auf Server in den USA übertragen werden.“[8]

Nach Ansicht des Bundesverbands der Verbraucherzentrale (VZBV) verstößt Clubhouse damit gegen die Europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Der Verband fordert daher eine Unterlassungserklärung der App-Betreiber. Der Datenschutzbeauftragte von Rheinland-Pfalz, Dieter Kugelmann, bemängelt zudem, dass auch nicht klar sei, was mit den Audio-Dateien passiere: Werden Gespräche mitgeschnitten und gespeichert?[9] Laut t3n.de sei die Technik dafür bereits implementiert. Ergänzt wird noch, dass Clubhouse im Zuge des Adressenauslesens Schattenprofile anlege:

„Dass Clubhouse die Einträge auch tatsächlich nutzt, hatten wir bei t3n vor einigen Tagen bereits berichtet. So legt Clubhouse etwa für Einträge aus dem Nutzer-Adressbuch, die keine Entsprechung im Dienst haben, sogenannte Schattenprofile an. Das sind Profile für Menschen, die zwar in den Telefonbüchern von anderen vorkommen, aber sich selbst nicht auf Clubhouse angemeldet haben.“[10]

In Reaktion auf die Kritik des VZBV mahnte die Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung, Dorothee Bär, noch am selben Tag, nicht jede digitale Innovation gleich mit dem Verdacht des Datenmissbrauchs zu versehen.[11] Doch sollten diese und auch die in den Tagen darauf folgenden Datenschutz-Beurteilungen der App durchaus erstgenommen werden. t3n.de konstatierte Anfang Februar noch einmal, dass der Anbieter über das Adressbuch des Handys auch Daten von Menschen sammelt, „die selbst in keinem direkten Kontakt zu dem Dienst stehen und dessen Datenschutzrichtlinien nie widersprechen konnten.“ Und das dauerhaft, denn offensichtlich „werden die gespeicherten Telefonnummern bei jedem Aufruf der Einladefunktion erneut an einen Server des Anbieters gesendet.“[12]

Auch die Stiftung Warentest bemängelte schließlich, dass Daten nachweislich an Datenanalyse-Firmen in den USA gesendet würden.[13]

Einfach mal drauf los plaudern?

Kinder- und Jugendportale zum Thema „Sicherheit im Internet“ predigen seit vielen Jahren: Im Internet bleibt nichts geheim. Und was einmal öffentlich gezeigt, gepostet oder ausgesprochen worden ist, kann meist nicht mehr so einfach gelöscht werden – also: „Erst denken, dann posten!“

Das hätte besser auch der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow bedacht: Seine Äußerungen zu den Kanzlerrunden und seine Verniedlichung der Bundeskanzlerin als „Merkelchen“, für die er sich kurz darauf bei Angela Merkel persönlich entschuldigte, wären dann wohl nicht gefallen.[14]

Doch Bodo Ramelow war nicht der Einzige, der sich verplauderte. Auch die Kabarettistin Idil Baydar ließ sich laut Welt online in einem Gespräch mit Arafat Abou-Chaker, einem Mitglied („Clanchef“ möchte er nicht genannt werden, da er nicht vorbestraft sei) des Berliner Abou-Chaker-Clans, zu Äußerungen hinreißen, für die sie sich später entschuldigte. Unter anderem stimmte sie wohl einer Äußerung Abou-Chakers zu, der die Strafverfolgung krimineller Clans mit der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland verglich.[15]

Diese Vorkommnisse zeigen, dass neue Medien immer auch neue Reflexionen über die Nutzung derselben brauchen. Clubhouse lädt ob seiner (nach Meinung der Nutzer*innen) guten Gesprächskultur dazu ein, auch mal Privates oder Vertrauliches zu erzählen. Die Kommunikationswissenschaftlerin Wiebke Loosen (Senior Researcher Journalismusforschung am Hans-Bredow-Institut) sieht in dem lockeren Setting der App einen Grund dafür, dass Politiker auch weniger formal sprechen – und Dinge sagen, die sie direkt vor Journalisten nicht sagen würden.[16]

Das erinnert an die kürzlich ausgestrahlte WDR-Talkrunde „Die letzte Instanz“, bei der Thomas Gottschalk, Micky Beisenherz, Janine Kunze und Jürgen Milski sich relativ unreflektiert und empathielos über die ausufernde politische Korrektheit ausließen – als Stichworte mögen „Zigeunersauce“ und „Mohrenkopf“ ausreichen.[17]

Einfach mal seine Meinung ungezwungen und öffentlich zu äußern, scheint ein Bedürfnis so mancher Prominenter zu sein – und ja, es hat vielleicht auch etwas Gutes: Es zeigt einerseits, wie fest verwurzelt so manche überholte Gedanken noch in vielen Köpfen sind, aber auch, wie schnell eine unbedachte Äußerung getätigt ist. Beides kann jeder bei sich selbst untersuchen, gerade nach solch unschönen Vorkommnissen.

Verweise

[1] Arielle Pardes: What Is Clubhouse, and Why Does Silicon Valley Care? Online bei Wired unter:   https://www.wired.com/story/what-is-clubhouse-why-does-silicon-valley-care/ (vom 22.05.2020, abgerufen am 18.02.2021).

[2] Tagesschau.de: Fraglicher Datenschutz im Clubhouse. Online: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/clubhouse-audio-app-deutschland-datenschutz-social-media-101.html (vom 19.01.2021, abgerufen am 21.01.2021).

[3] Benedikt Bucher: Clubhouse: Hype-App Clubhouse: Was ist das & so kommen Sie rein. Online bei Chip.de unter: https://www.chip.de/news/Clubhouse-Was-ist-das-Wie-komme-ich-rein_183239546.html (vom 20.01.2021, abgerufen am 21.01.2021).

[4] Zitate: Chip.de, siehe oben.

[5] Anton Rainer und Alexander Kühn: Eliten unter sich. Online bei Spiegel Online unter: https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/clubhouse-als-neuer-social-media-hype-eliten-unter-sich-a-43855543-2390-4d3d-a6b3-3853cd8d2c55 (vom 19.01.2021, abgerufen am 21.01.2021).

[6] Ebd.

[7] Check 1, 2, 3… Is this thing on? Online bei joinclubhouse.com unter: https://www.joinclubhouse.com/check-1-2-3 (vom 10.07.2020, abgerufen am 19.02.2021).

[8] Tagesschau.de: Fraglicher Datenschutz im Clubhouse. Online: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/clubhouse-audio-app-deutschland-datenschutz-social-media-101.html (vom 19.01.2021, abgerufen am 21.01.2021).

[9] heise online: Verbraucherschutzverband mahnt Clubhouse wegen gravierender Mängel ab. Online: https://www.heise.de/news/Verbraucherschutzverband-mahnt-Clubhouse-wegen-gravierender-Maengel-ab-5038676.html (vom 27.01.2021, abgerufen am 28.01.2021).

[10] Dieter Petereit: Clubhouse und der Datenschutz: Nach dem Hype kommt die Ernüchterung. Online bei t3n.de unter: https://t3n.de/news/clubhouse-datenschutz-hype-1352818/ (vom 28.01.2021, abgerufen am 19.02.2021).

[11] Spiegel Online: Staatsministerin Bär verteidigt Clubhouse gegen Kritik. Online: https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/clubhouse-dorothee-baer-verteidigt-netzwerk-gegen-kritik-a-80f6e194-7423-407d-aa0f-906938e75d52 (vom 28.01.2021, abgerufen am 28.01.2021).

[12] Kim Rixecker: Clubhouse und Datenschutz: So fleißig sammelt die App eure Kontaktdaten. Online bei t3n.de unter: https://t3n.de/news/clubhouse-datenschutz-telefonnummern-adressbuch-1353276/ (vom 01.02.2021, abgerufen am 04.02.2021).

[13] epd medien: Verbraucherschützer: „Clubhouse“ plaudert Nutzerdaten aus. Online im Newsletter der epd medien vom 10.02.2021 unter: newsletter.helena.de/mobile%20med.4210909.htm#link7 (abgerufen am 11.02.2021).

[14] WELT.de: Grünen-Chefin Baerbock wirft Ramelow vor, das Vertrauen in die Politik zu beschädigen. Online: https://www.welt.de/politik/deutschland/article224975389/Clubhouse-Heftige-Kritik-an-Ramelows-Auftritt-reisst-nicht-ab.html (vom 25.01.2021, abgerufen 25.01.2021).

[15] Frederik Schindler und Alexander Nabert: Wenn die feministische Kabarettistin auf Clubhouse dem Clan-Boss zustimmt. Online bei WELT.de unter: https://www.welt.de/politik/article225663055/Clubhouse-Wenn-Kabarettistin-Idil-Baydar-Arafat-Abou-Chaker-zustimmt.html, (vom 04.02.2021, abgerufen am 04.02.2021).

[16] epd medien: Kommunikationswissenschaftlerin: „Clubhouse“ hat öffentliche Relevanz. Online im Newsletter der epd medien vom 25.01.2021 unter: http://newsletter.helena.de/mobile%20med.4194676.htm#link2 (abgerufen am 26.01.2021).

[17] RND: „Mir fehlen die Worte“: Kritik an WDR-Talkshow zum Thema Rassismus. Online: https://www.rnd.de/medien/rassismus-kritik-an-wdr-talkshow-die-letzte-instanz-mir-fehlen-die-worte-CPS5Y3TO4ZANVJIA7MDDLSPBVI.html (vom 31.01.2021, abgerufen am 19.02.2021).