März 2022

Über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens

Der Medienbildungshub hat mit Dr. Frauke Gerlach, Direktorin des Grimme-Instituts, aus Medienbildungssicht über das Projekt #meinfernsehen2021 gesprochen. Welche Themen wurden diskutiert? Welche Verbesserungsvorschläge gab es? Wie kann eine ausgewogene und unabhängige Berichterstattung gewährleistet werden? Wie kann Pluralität und Vielfalt erreicht werden?

Logo #meinfernsehen2021; Bild: Grimme-Institut

Logo #meinfernsehen2021; Bild: Grimme-Institut

Mit einer Pressemitteilung vom November 2020 startete das Gemeinschaftsprojekt #meinfernsehen2021 von Grimme-Institut, Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) und dem Düsseldorfer Institut für Internet und Demokratie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (DIID). Fernsehzuschauer*innen waren aufgerufen, über das öffentlich-rechtliche Fernsehangebot zu diskutieren und gleichzeitig auszuloten, wie die Zukunft des Fernsehens aussehen könnte.[1] Dafür wurden drei Diskussions- und Abstimmungsphasen anberaumt. Im Mai 2021 wurden die Ergebnisse des Partizipationsverfahrens vorgestellt[2], die Videos der Abschlussveranstaltung sind im YouTube-Kanal des Grimme-Institut zu sehen.[3]

Interview

Medienbildungshub: Wie würden Sie kurz das Projekt #meinfernsehen2021 beschreiben?

Dr. Frauke Gerlach: Der übergeordneten Frage nachgehend, wie die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens aussehen soll und was sich Zuschauerinnen und Zuschauer von dem Medium wünschen, wurde über die digitale Partizipationsplattform #meinfernsehen2021 die Öffentlichkeit in den Diskurs über die aktuellen Gegebenheiten und zukünftigen Ausgestaltungen des Mediensystems öffentlich-rechtlicher Rundfunk miteinbezogen.

Das verwendete Verfahren umfasste drei konkrete Phasen:

  • In der ersten Phase ging es primär um die Sammlung von Ideen und Meinungen hinsichtlich der Bereiche „Unterhaltung“, „Information“, „Zugang und Nutzung“ sowie „Neue Themen“, ein inhaltlich nicht festgelegter Bereich, der Diskussionsbeiträge zu weiteren, von den Teilnehmenden definierten Themen liefern konnte.
  • Darauf folgte die zweite Diskussionsphase unter den Leitfragen: Wie geht Fernsehen für alle? Was läuft im Fernsehen? Wie wird Fernsehen mitgestaltet?
  • Schließlich schloss das Beteiligungsverfahren mit einer dritten und letzten Abstimmungsphase, in welcher die Teilnehmenden die Möglichkeit hatten, zuvor aus den Diskussionen synthetisierte Kernaussagen positiv oder negativ zu bewerten.

Was hat die Mitmachenden am meisten bewegt? Welche Themen standen im Vordergrund der Kommentare und Diskussionen?

1) Neutralität und Ausgewogenheit: Insbesondere in Hinblick auf Nachrichtensendungen wurde über die Ausgewogenheit und Themenvielfalt sowie über die Neutralität und Objektivität kontrovers diskutiert. Einige Teilnehmende waren der Meinung, dass spezifische Themen in der Berichterstattung überrepräsentiert seien und andere – ebenfalls relevante – Themen nicht auftauchten. Außerdem wurde kritisiert, dass die Berichterstattung häufig nicht genügend thematisch eingebettet und mit Hintergrundinformationen untermauert werde und dass Nachrichtensprecher*innen häufig nicht neutral und objektiv berichten würden. Die Thematik der Neutralität und Ausgewogenheit klang auch bei (politischen) Talkshows an: Hier würden immer dieselben Personen mit denselben Standpunkten und Sichtweisen eingeladen, sodass kaum kontroverse Diskurse und Auseinandersetzungen zustande kämen. Viele Teilnehmende wünschten sich hier insbesondere Innovation hinsichtlich der Gäste und Moderator*innen.

2) Finanzierung und Auftrag: Bezüglich der Finanzierung kritisierten einige Teilnehmende die Rundfunkgebühren und plädierten für eine Zusammenlegung oder Streichung verschiedener Sender. Andere merkten an, dass dann die Sendevielfalt verloren gehen könnte. Es gab sogar konkrete Vorschläge, beispielsweise ein gestaffeltes Bezahlsystem nach Interessenschwerpunkt. Auch die komplette Abschaffung des Rundfunkbeitrags wurde gefordert. Eine generelle Reformation des Auftrags und der Programmschwerpunkte wurde ebenfalls kontrovers diskutiert.

3) Unterhaltung: Das Unterhaltungsprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wurde von einigen Teilnehmenden als „nicht zeitgemäß“ empfunden und es wurde kritisiert, dass zu häufig Kriminalgeschichten gezeigt werden (Tatort). Auch hier plädierten viele Teilnehmende für Innovation vor und hinter der Kamera, ebenfalls in Hinblick auf Diversität. Einige Teilnehmende wünschten sich mehr Genre-Filme und Filmklassiker.

4) Lineares Fernsehen und Mediatheken: Um die Frage nach der Zukunft des linearen Fernsehens entwickelte sich eine größere Debatte: Während einige Teilnehmende die Zukunft des Fernsehens im digitalen Bereich sahen, warnten andere davor, Offliner auszugrenzen, und hoben die alltagsstrukturierende Eigenschaft des linearen Fernsehens positiv hervor. Konsens schien in Hinblick auf die Mediatheken zu herrschen: Diese müssten überarbeitet und ausgebaut werden, insbesondere bezüglich der Usability und der Oberfläche.

Sie haben die Themen „Ausgewogenheit und Themenvielfalt“, „Neutralität und Objektivität“ angesprochen, aber auch mehr Diversität bei den Medienmachern.  Zudem fordert der Punkt „Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks “ auch eine gewisse Transparenz ein: Die Nutzer*innen möchten wissen, was mit ihrem Geld gemacht wird. Aus Sicht der Medienbildung sind diese Punkte wichtige Voraussetzungen für den Erwerb von Medienkompetenz: Die Nutzer*innen müssen begründetes Vertrauen haben, dass sie im ÖRR gute und sichere Informationen finden. Sie müssen wissen, dass sie umfassend und objektiv informiert werden – was auch konträre Meinungen und eine möglichst gut begründete Bewertung derselben zu einzelnen Themen einschließt.

Leider zeigt sich gerade bei der Vermittlung von Medienkompetenz, dass oftmals lediglich die Personen erreicht werden, die einem Diskurs sowieso bereits aufgeschlossen gegenüberstehen.  Daher eine Frage zur Einbeziehung der Zuschauer*innen im Projekt #meinfernsehen2021:

Wie kann man sicherstellen, dass hier wirklich alle Gesellschaftsschichten erreicht werden können?

Alle Gesellschaftsschichten zu erreichen erweist sich als Herausforderung: Auch bei #meinfernsehen2021 kann die Teilnehmendenschaft nicht als repräsentativ verstanden werden. Ein Großteil der Teilnehmenden – zumindest derjenigen, die den freiwilligen Evaluationsbogen ausgefüllt haben – gehören einer ähnlichen soziodemografischen Gruppe an: männlich, zwischen 40 und 60 Jahre alt und Teil der höheren Bildungsschicht (mindestens mittlere Reife, häufig Hochschulabschluss). Außerdem ist davon auszugehen, dass die Teilnehmenden eine hohe Affinität zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufweisen, dementsprechend häufig eindeutige Befürworter oder Kritiker des Mediensystems sind. Um der Abbildung diverser Altersgruppen entgegenzukommen, wurde parallel das SINUS-Institut beauftragt, drei Online-Fokusgruppen mit Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren durchzuführen, um auch die jüngere Zielgruppe und deren Perspektiven, Meinungen und Erfahrungen einzufangen.

Um in zukünftigen Projekten breite Gesellschaftsschichten zu erreichen, ist die Kombination verschiedener empirischer Erhebungen vermutlich ein richtiger Weg, da nicht alle Gesellschaftsschichten auf ein und demselben Weg erreicht werden können. Das Projekt #meinfernsehen2021 wollte zunächst Meinungen und Perspektiven einfangen und abbilden sowie den Diskurs um die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens von Expert*innen und Akteur*innen hin zu Bürger*innen verlagern und anregen. Um Repräsentativität und Diversität zu gewährleisten, muss die Akquise von Teilnehmenden über verschiedene Ansprachen und Zugangswege erfolgen und vermutlich sollten – wie oben bereits erwähnt – verschiedene Methoden miteinander kombiniert werden. Auch eine direkte Rekrutierung unterrepräsentierter Gruppen müsste gegebenenfalls erfolgen.

Zu den Ergebnissen schreiben Sie und Frau Eilders auf der Website zu #meinfernsehen2021: „Zu den aufgeworfenen Fragestellungen entwickelte sich ein Qualitätsdiskurs der Teilnehmenden. Dieser ging von der Programmgestaltung über die Frage von Qualitätsmaßstäben bis hin zu Vorschlägen zur Verbesserung der inhaltlichen und technischen Qualität des Fernsehens.“

Welche konkreten Vorschläge zur „Verbesserung der inhaltlichen und technischen Qualität des Fernsehens“ gab es seitens der Mitmachenden?

1) Finanzierung: Gestaffelte Bezahlpakete nach Interessensschwerpunkten, Zusammenlegung von Sendern (z. B. die Abschaffung der dritten Programme bzw. die Fusionierung zu einem Sender).

2) Ausbau der Mediatheken: Bessere Usability (Anwendung und Oberfläche), dauerhafte Verfügbarkeit von Beiträgen (mindestens von Eigenproduktionen), Inhalte unabhängig vom Aufenthaltsort zugänglich machen, Beiträge vor oder parallel zur linearen Ausstrahlung verfügbar machen.

3) Unterhaltung: Mehr Klassiker (z. B. Ekel Alfred/Ein Herz und eine Seele), mehr Genre-Filme (Science-Fiction und Fantasy), weniger Kriminalfilme, mehr Einsparungen bei Sportberichterstattungen (der Fokus solle – wenn überhaupt – bei großen Sportevents liegen), insgesamt: Wunsch nach mehr Offenheit und Innovation (mit einem Sendeplatz vor 22 Uhr).

4) Regionale Programme: Angebot für das Schulfernsehen ausbauen, Dokumentationen so gestalten, dass sie in Schulen gezeigt werden können (bzw. in Hinblick auf Pandemie und Homeschooling als Ergänzung zum Lehrmaterial).

Der Chef der Staatskanzlei des Landes NRW, Herr Liminski, hat in seiner Online-Stellungnahme zur Veranstaltung (Vorstellung der Umfrage- und Beteiligungsergebnisse am 27. Mai 2021) die besondere Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Bereich „Informationsvermittlung“ angesprochen – und dass der Landesregierung gerade das Thema der Medienbildung und der Medienkompetenz wichtig sei (Was ist Nachrichten- und Informationskompetenz? Wie arbeiten Journalisten und Redaktionsanstalten? Was ist der Unterschied zwischen einer Nachrichtenmeldung und einem Kommentar? Inwieweit müssen redaktioneller Inhalt und Werbung getrennt werden?).

Wurden diese Punkte bei den Kommentaren und Diskussionen thematisiert? Gab es Anregungen, wie es der öffentlich-rechtliche Rundfunk schaffen kann, allen Bürger*innen bei Themen wie Coronapandemie und Klima unabhängig und ausgewogen Informationen zu bieten?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde von einigen als unverzichtbar betrachtet, da er den Auftrag zu erfüllen habe, verlässliche Informationen zu verbreiten und zur souveränen Meinungsbildung beizutragen. Um alle Bürger*innen gleichermaßen erreichen und informieren zu können, wurde von einigen Teilnehmenden die Ausweitung auf soziale Medien befürwortet, um auch jüngere Zielgruppen oder Personen außerhalb des „Einflussbereichs“ des linearen Fernsehens zu erreichen. Generell wurden die Aspekte Medienbildung und ‑kompetenz von den Diskutanten eher weniger als konkrete Themen besprochen – es wurde allerdings deutlich, dass hier zum Teil Nachholbedarf herrscht, z. B. wenn Vorschläge gemacht wurden, die nicht mit dem Medienstaatsvertrag vereinbar sind oder der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks falsch wiedergegeben wurde.

Thema Pluralität und Vielfalt: Hubertus Koch, Journalist und Filmemacher, sieht in dem Interview auf meinfernsehen2021.de mangelnde Vielfalt bei den ÖRR, weil die Medienmacher ein und derselben „Schicht“ angehören, und fordert eine breitere Mischung (also z. B. auch Realschulabsolventen) in den Redaktionen. Otfried Jarren, Professor für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung in Zürich, warnt in seinem Interview vor der Gefahr, dass Algorithmen Pluralität einschränken. Das ÖRR solle kulturelle Vielfalt zeigen und diskutierbar machen.

Wie wichtig sind in Ihren Augen Pluralität und Vielfalt im „Fernsehalltag“? Und: Was meinten die Nutzer*innen der Partizipations-Plattform dazu?

Einige der Teilnehmenden sprachen sich deutlich für diversere Akteur*innen vor und hinter der Kamera aus. Um Pluralität abzubilden, müsse man dafür sorgen, dass auch in Redaktionen Diversität eine Rolle spielt. Andererseits wurde des Öfteren vorgeschlagen, beispielsweise die dritten Programme zu fusionieren, was wiederum zu einer Einschränkung der Sendervielfalt führen könnte. Auch wurde bemängelt, dass sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu sehr auf den urbanen Raum konzentriere und sich Personen aus ländlichen Gebieten kaum mit der abgebildeten Darstellung identifizieren können.

Sie haben sich entschieden, im Anschluss an das Partizipationsprojekt eine ausführliche Publikation zu veröffentlichen. Warum?

Die Publikation soll als Blaupause für andere Partizipationsprojekte dienen und die erkenntnisreichen Ergebnisse sollen in angemessener Form abgebildet und für Interessierte zur Verfügung gestellt werden. Dabei ragt das Verfahren über die einfache Dokumentation der Inhalte hinaus: Die Beiträge der Publikation beschäftigen sich mit der Plattform und deliberativen Aspekten, mit den Resultaten der Beteiligungsplattform und den daraus generierten Schlussfolgerungen und Konsequenzen für das öffentlich-rechtliche Fernsehen und werfen einen Blick in die Zukunft. Dabei ist die Anbindung an die Daten innerhalb der Beiträge zwar wünschenswert, aber nicht zwingend obligatorisch – den Autor*innen wird je nach Schwerpunkt ihres Artikels dementsprechend eine gewisse Freiheit in der Gestaltung und Pointierung ihrer Beiträge gewährt, sodass beispielsweise auch Bezüge zu aktuellen Diskursen hergestellt werden können.

Die Publikation soll also nicht nur die Ergebnisse der Partizipationsplattform dokumentieren, sondern auch und insbesondere den Status Quo abbilden und Perspektiven für die Zukunft eröffnen.

Was sind die Schwerpunkte der Publikation? Wie ist die Publikation strukturell aufgebaut?

Die Publikation ist in einer Zweiteilung aufgebaut: Sie enthält

  1. die Inhaltsthemen zu a) Programm, Themen und Inhalten, b) Struktur und c) Generation und Zukunft sowie
  2. eine Verfahrensanalyse zu a) deliberaler Qualität und Verfahrensregeln und b) Repräsentativität, Diversität und Ausstieg von Teilnehmenden.

Es werden also beispielsweise aktuelle Diskurse und Debatten zu den Themenfeldern Unterhaltung und Information bearbeitet, aber auch zukünftige Blickwinkel erschlossen, indem exemplifizierend auf die Perspektiven von Jugendlichen und jungen Erwachsen eingegangen wird.

Hier bietet sich durch die Wahl einer ergänzenden Publikation zum Beteiligungsprojekt eine fruchtbare Chance: Da sich hinsichtlich der soziodemografischen Gruppe bei den Teilnehmenden eine eindeutige Tendenz abgezeichnet hat, werden die Ergebnisse der Plattform um jüngere Perspektiven ergänzt. Darüber hinaus wird das Partizipationsverfahren #meinfernsehen2021 kritisch analysiert, indem u.a. die deliberale Qualität und Repräsentativität oder der Einfluss des Einsatzes von Moderation untersucht wird.

Insgesamt erweist sich die Vielfältigkeit an Themenschwerpunkten und die Mischung aus Autor*innen, die direkt an dem Projekt beteiligt waren, und externen Expert*innen als sehr erkenntnisreich, da sowohl das Verfahren und die Inhalte dargestellt werden als auch eine Einordnung in den allgemeinen Diskurs um die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens erfolgt.

Wir danken Ihnen für das Gespräch, Frau Dr. Gerlach!

Verweise

[1] Siehe die Pressemitteilung „#meinfernsehen 2021. Einladung zum Mitdiskutieren“ vom 24.11.2020 online auf den Seiten des Grimme-Instituts unter: https://www.grimme-institut.de/presse/pressemeldungen/d/meinfernsehen-2021 (abgerufen am 24.03.2022).

[2] Siehe die Pressemitteilung „#meinfernsehen2021 – Ergebnisse zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens“ vom 27.05.2021 online auf den Seiten des Grimme-Instituts unter: https://www.grimme-institut.de/presse/pressemeldungen/d/meinfernsehen2021-ergebnisse-zur-zukunft-des-oeffentlich-rechtlichen-fernsehens (abgerufen am 24.03.2022).

[3] Videos zur Abschlussveranstaltung und weitere Videos mit Interviews im YouTube-Kanal des Grimme-Instituts unter: https://www.youtube.com/playlist?list=PLhAI2DnfSdsMukORe8eMroqU8MmqXxLUu (abgerufen am 24.03.2022).