Verschiedene Zeitschriften zum Thema "Medienbildung"

Medienbildung, Medienpädagogik, Medienkompetenz – auf dieser Seite stellen wir Artikel aus aktuellen Fachzeitschriften vor. Viele davon können online gelesen oder heruntergeladen werden.

Telegram-Icon vor unscharfem Smartphone-Display. Montage: Michael Schnell / Grimme-Institut.

Den Messenger Telegram verbinden viele mit Querdenken, Rechtsradikalismus, Verschwörungserzählungen, Staatsferne. Doch seine Unabhängigkeit, die ausgeprägte Rede- bzw. Schreibfreiheit, die kaum vorhandene Regulierung sind in anderen Zusammenhängen auch positiv zu bewerten. Der Medienbildungshub schaut sich dieses zwiespältige Bild des Messengers näher an und fragt nach den Konsequenzen für die Medien- und Informationskompetenz.

Junge spielt am Tablet; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell

Im Vordergrund der wichtigsten und größten Computerspielmesse in Europa, der Gamescom, steht die Präsentation neuer Spiele. Doch auch abseits davon hat die Gamescom eine Menge zu bieten – zum Thema Medienbildung den Gamescom Kongress und den Bereich „familiy & friends“. Den Zusammenhang von Spielen und Lernen thematisierte bereits früh – zeitnah zur Gamescom 2017 veröffentlicht – das Grimme-Forschungskolleg mit dem 5. Band der Schriftenreihe zur digitalen Gesellschaft NRW „Spielend lernen! Computerspiele(n) in Schule und Unterricht“ sowie ein Artikel zur Qualitätsdebatte rund um Computerspiele in dem Sammelband „Medienqualität“.

Seit der Gründung der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender gehört das Thema Bildung, neben Unterhaltung und Information, zu ihren grundsätzlichen Aufgaben. Mit der zunehmenden Verbreitung der (schon lange nicht mehr so) „Neuen Medien“ und ihrer relativ freien Zugänglichkeit auch schon für Kinder und Jugendliche rückte verstärkt die Vermittlung von Medienkompetenz in das Bildungs-Blickfeld. Der Medienbildungshub bietet eine Übersicht über die angebotenen Inhalte des ÖRR und wagt sich an eine Bewertung. Aktuell: Die Medienkompetenzangebote des Mitteldeutschen Rundfunks.

Leuchtende Glühlampe und binäre Zahlen; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell

Wie künstliche Intelligenz in der kulturellen Bildung genutzt werden kann und vor welchen Herausforderungen wir dabei stehen, darum ging es bei der Tagung „Mensch – Maschine – Kultur – Bildung“. Das Grimme-Institut hat als Veranstaltungspartner teilgenommen und im Vorfeld ein Interview mit Horst Pohlmann von der Akademie der Kulturellen Bildung und Harald Gapski vom Grimme-Institut geführt.

Auf dieser Seite stellen wir medienbildungsrelevante Artikel aus aktuellen Fachzeitschriften vor. Viele davon können online abgerufen oder heruntergeladen werden.

Informationsbedürfnis von Kindern und Jugendlichen – und die Kompetenz?

Gerade Kinder und Jugendliche kommen über soziale Medien recht schnell mit solchen Berichten und Bildern aus dem Krieg in Kontakt. Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) hat bereits zu Beginn der jetzigen Kriegssituation (Ende Februar 2022) junge Menschen zwischen 13 und 17 Jahren in ganz Deutschland über ihr Informationsverhalten zum Ukraine-Krieg befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass die meisten Jugendlichen Grundlegendes über das Geschehen wussten. Dabei informierten sie sich zuerst über traditionelle Medien, aber auch über das Internet. Nach Meinung des IZI war aber bereits absehbar, dass sich dies mit dem Fortschreiten des Konflikts zunehmend in die sozialen Netzwerke verlagern würde.[1]

Kind zeigt Inhalte auf seinem Handy; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell

Kind zeigt Inhalte auf seinem Handy; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell

Mittlerweile hat sich gerade die App TikTok als Plattform für Inhalte vom Krieg in der Ukraine hervorgetan. Die Süddeutsche Zeitung schrieb bereits am 9. März 2022, dass TikTok zur „einer der wichtigsten Anlaufstellen für Menschen geworden [ist], die sich über den Krieg in der Ukraine informieren wollen.“[2] Ungefähr zur selben Zeit sprach das amerikanische Magazin New Yorker von dem „ersten TikTok-Krieg“.[3] Eigentlich ist die besonders bei der jüngeren Zielgruppe beliebte Plattform TikTok eher für lustige und ad hoc gedrehte Videos bekannt. Nun werden, direkt aus dem Krieg, Bilder von den Auseinandersetzungen und ihren Folgen ins Netz gestellt. Und selbst kleinere Kanäle und Beiträge finden zum Teil leicht Beachtung. Grund hierfür ist der im Algorithmus nicht vorhandene „Social Graph“: Es werden also anders als bei sozialen Netzwerken wie Facebook nicht Beiträge von Personen angezeigt, mit denen man in Kontakt steht (Freund*innen, Follower*innen etc.).[4] Wer sich hingegen oft Beiträge zum Thema Ukraine-Krieg anschaut, erhält zunehmend mehr davon in seiner TikTok-„Für-Dich“-Seite, die beim Starten erscheint.

Was sollten also Kinder und Jugendliche angesichts der zuvor beschriebenen problematischen Inhalte (gewalthaltige und grausame Bilder, teilweise ohne Kontext, gefälschte Fotografien und Videos, Propagandamaterial und Inszenierungen) wissen? Was sollten Eltern, Lehrkräfte und Erziehende tun, wenn das Kind nach dem Geschehen in der Ukraine fragt?

1. Kinder

Eine Umfrage der britischen Medienaufsichtsbehörde Ofcom kam zu den Ergebnissen, dass „16 Prozent der Drei- bis Vierjährigen und mehr als die Hälfte der Acht- bis Elfjährigen bereits Videos der Kurzvideoplattform Tiktok anschauen“[5]. Angesichts der dort verfügbaren Inhalte zum Ukraine-Krieg muss natürlich danach gefragt werden, ab welchem Alter Eltern ihrem Kind die Nutzung erlauben sollten. Vorschulkinder sollten die App sicherlich noch nicht nutzen. Bei Kindern um 10 Jahre sollten Eltern bedenken, dass TikTok offiziell erst ab 13 Jahren genutzt werden darf, und bei früherer Nutzung die Kinder zumindest eng begleitet werden sollten.

Doch egal, ob TikTok, TV oder eine Bild über WhatsApp: Bilder aus dem Krieg sind in ihrer Wirkung auf Kinder, allem voran Angst und Verunsicherung, nicht zu unterschätzen. Das heißt: Kinder mit eigenem Smartphone und Internetzugang sollten darauf vorbereitet werden, dass sie auf solches Bildmaterial stoßen können – und sollten das Gefühl vermittelt bekommen, bei Problemen und Ängsten durch solche Bilder ernst genommen zu werden und jederzeit ihre Eltern ansprechen zu können.

Weitere Informationen und Tipps finden sich auf den einschlägigen Internetportalen zu den Themen „Medienkompetenz“ und „Medienerziehung“:

Für Kinder:

Für Eltern: Informationen zum Thema „Kind und Krieg“:

Für Eltern: Informationen zu TikTok:

Für Lehrkräfte:

2. Jugendliche

Die meisten Jugendlichen nutzen bereits die Medien der Erwachsenen, greifen allerdings verstärkt auf Social-Media-Angebote zurück. Eltern und Schule sollten Wert darauf legen, dass Jugendliche sich eingehender mit den oben besprochenen Themen zur Wahrnehmung und Bewertung von Bildern auseinandersetzen – gerade in Zeiten ausufernder Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen zu Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg.

Weitere Informationen und Tipps:

Für Jugendliche:

Für Eltern:

Für Lehrkräfte:

Verweis


[1] Maya Götz: Der Krieg in der Ukraine: Was Jugendliche wissen und wie sie sich informieren. Pressemeldung vom 25.02.2022 online auf den Seiten des Informationsdienst Wissenschaft e. V.: https://idw-online.de/de/news789143 (abgerufen am 05.04.2022).


[2] Simon Hurtz: Der Krieg zerstört die heile Tiktok-Welt. Online auf den Seiten der Süddeutschen Zeitung unter: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/tiktok-ukraine-krieg-propaganda-1.5544343 (vom 09.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[3] Marc Dimpfel: Fake News oder Info-Quelle? Tiktok erlebt seinen ersten Krieg. Online auf den Seiten ntv unter: https://www.n-tv.de/panorama/Tiktok-erlebt-seinen-ersten-Krieg-article23190289.html (vom 12.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[4] Simon Hurtz (sueddeutsche.de vom 09.03.2022, s. Anm. 2).


[5] Marie-Claire Koch: Britische Medienaufsicht: 16 Prozent der britischen Kleinkinder schon auf Tiktok. Online auf den Seiten von heise.de unter: https://www.heise.de/news/Medienaufsicht-in-UK-16-Prozent-der-britischen-Kleinkinder-schon-auf-Tiktok-6657824.html (vom 30.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).

Bildmaterial: Wahrheitsgehalt prüfen!

Wie lassen sich Fotografien und Videos auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen? Und wie kann man vermeiden, dass Fälschungen weiterverbreitet werden?[1]

Blauer Haken bei Instagram für eine seriöse Nachrichtenagentur; Bild:  Grimme-Institut / Michael Schnell

Blauer Haken bei Instagram für eine seriöse Nachrichtenagentur; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell


Journalist*innen und Faktenchecker*innen

  • untersuchen die Metadaten von Fotos und Videos, die oft auch das Aufnahmedatum und den Aufnahmeort (Geodaten) beinhalten – aber auch geändert werden können und bei Verwendung in Sozialen Medien auch oft automatisch gelöscht werden;
  • nutzen die Bildersuche bei Google, Bing oder auch der russischen Suchmaschine Yandex, bei denen ein Bild eingegeben werden kann. Unter den Suchergebnissen finden sich identische und/oder ähnliche Bilder, die Hinweise geben können auf das Entstehungsdatum oder auf das Originalbild, das später verfälscht worden ist;
  • recherchieren in speziellen Datenbanken nach bereits geklärten Bilderverifikationen;
  • betrachten die Bildmaterialien genau und entdecken so ggf. Fehler bei einer nachträglichen Bildbearbeitung: zum Beispiel falsche Schatten oder widersprüchliche Hell-/Dunkelbereiche, bei Bewegungen ein nicht zur Person passender Gang, verzerrte Bewegungen, zu lange Gliedmaßen und mehr;
  • haben bei der genauen Betrachtung auch Kleinigkeiten im Blick (zum Beispiel Gebäude oder Straßenzüge im Hintergrund), um den Entstehungsort der Bilder zu lokalisieren, ziehen dazu Satellitenaufnahmen und Kartendienste hinzu;
  • machen sich für die Ortung der Bildmaterialien eigene oder Kenntnisse anderer zu regionalen Besonderheiten zunutze;
  • forschen nach, von wem das Bild stammt: von einer seriösen Person oder Institution?
  • wissen, welche Besonderheiten einzelne Social-Media-Instrumente haben, zum Beispiel wie man den Zeitpunkt eines Tweets unabhängig von der Zeitverschiebung erkennen kann.

Was jeder machen kann:

  • Generell misstrauisch sein!
  • Fotografien, Videos, Texte nicht zu schnell per Messenger und über Soziale Netzwerke weiterleiten, vor allem nicht bei unbekannten Absender*innen.
  • Grundsätzlich überlegen, von wem das Bild stammt!
  • Bilder von glaubwürdigen, unabhängigen Medien und seriösen Personen nutzen!
  • Darauf achten, ob der Account einer prominenten Person (zum Beispiel eines/-r Journalistin/-en) verifiziert ist.
  • Speziell bei TikTok: Stammen Bild und Ton von derselben Person? (Ansonsten ist ggf. der Ton von einem anderen Video in das eigene gemischt worden, was bei TikTok gängig und leicht zu bewerkstelligen, aber auch einfach zu erkennen ist).
  • Sofern möglich, oben genannte Tools zum Faktencheck (Rückwärts-Bildersuche u. a.) und die Tipps nutzen.


Verweis


[1] Nachfolgende Tipps finden sich in folgenden Artikeln: Wolfgang Wichmann: faktenfinder-Tutorial: Wie verifiziert man Videos im Netz? Online auf den Seiten der Tagesschau unter: https://www.tagesschau.de/faktenfinder/tutorials/video-verifikation-101.html (vom 08.04.2020, abgerufen am 05.04.2022); Felix Huesmann: Falsche Aufnahmen aus der Ukraine erkennen. Zerstörung in Echtzeit: Wie behält man den Durchblick im Krieg der Bilder? Online auf den Seiten des Redaktionsnetzwerks Deutschland unter: https://www.rnd.de/politik/falschinformationen-aus-der-ukraine-erkennen-durchblick-im-krieg-der-bilder-VFYEREMJQFASHBBHVMV2MQKT3M.html (vom 03.03.2022, abgerufen am 05.04.2022); Jana Heigl, Max Gilbert und Julia Ley: Ukraine-Krieg: So ordnen Sie Quellen und Bilder richtig ein. Online auf den Seiten des Bayerischen Rundfunks unter: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/ukraine-konflikt-quellen-und-bilder-richtig-einordnen-faktenfuchs,SyMTZUo (vom 24.02.2022, abgerufen am 05.04.2022); Markus Böhm und Janne Knödler: Ukrainekrieg auf Twitter, TikTok und Co. So entlarven Sie falsche Bilder und Videos. Bei Spiegel online unter: https://www.spiegel.de/netzwelt/web/ukraine-krieg-auf-tiktok-twitter-und-co-so-entlarven-sie-falsche-bilder-und-videos-a-ced13de6-3134-4818-84c1-8ea561275324 (vom 25.02.2022, abgerufen am 05.04.2022); Imre Grimm: Krieg in sozialen Netzwerken. Traut euren Augen nicht! Im Krieg der Bilder ist praktisch alles möglich. Online auf den Seiten des Redaktionsnetzwerks Deutschland unter: https://www.rnd.de/medien/bilder-zum-krieg-in-der-ukraine-was-ist-echt-was-faelschung-ARJX75LDS5GGFKQRNH7EXIDPXU.html (vom 16.03.2022, abgerufen am 05.04.2022); Deutschlandfunk Kultur: Ukraine-Krieg in den Medien. Auf der Suche nach der Wahrheit. Online auf den Seiten von Deutschlandfunk Kultur unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/berichterstattung-ukraine-russland-krieg-100.html (vom 11.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


Fakes, Manipulationen und Propaganda

„Noch nie hat ein moderner Krieg eine solche Flut an nicht nachprüfbaren Bildern produziert“, heißt es in einem Artikel von Imre Grimm auf den Seiten des Redaktionsnetzwerks Deutschland.[1] Ein täuschend echt wirkendes Video von einem fiktiven Luftangriff auf Paris zeigt auf, was technisch möglich ist. Dieses Video wurde erstellt vom ukrainischen Verteidigungsministerium, um die NATO für eine Flugverbotszone über der Ukraine zu gewinnen – und es war relativ klar, dass es eine Fälschung ist.

Kriegsbild und Aufschrift

Kriegsbild und Aufschrift „Fake?“; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell

Doch bei vielen anderen Bildern muss immer ein Restzweifel bleiben, ob es die abgebildete Szene tatsächlich gegeben hat. Da bloggen zwei Personen, die es nachweislich nicht gibt, für eine Webseite namens „Ukraine Today“. Mit Hilfe von Bots, Bildbearbeitung und Künstlicher Intelligenz wurden „glaubwürdige“ Gestalten erschaffen, die auf den ersten Blick völlig real wirken und über soziale Netzwerke die öffentliche Meinung zum Krieg beeinflussen sollten.[2] Ein anderes Beispiel: Der ukrainische Präsident Selenskyj wurde mit einem Fußballtrikot gezeigt, auf dem ein Hakenkreuz abgebildet ist – das echte Bild hat an dieser Stelle die Rückennummer 95 des Trikots gezeigt.[3]

Neben solchen Fälschungen existieren auch Bilder, die schlicht in einen neuen Kontext gesetzt werden: Eine Fotografie mit einem brennenden Flugzeug zeigt keinen Absturz eines russischen Fliegers im derzeitigen Ukraine-Krieg, sondern ein Unglück bei einer Flugshow Jahre zuvor. Ein Mädchen, das mit einem Soldaten spricht, stammt aus einem älteren Video und zeigt nicht ein Mädchen, das den russischen Soldaten bittet, nach Hause zu gehen.[4] Die Bilder waren also echt, entstanden allerdings nicht im Zusammenhang mit dem derzeitigen Krieg.

Bei der Betrachtung von Kriegsbildern ist auch immer der Urheber zu beachten, da die Kriegsparteien jeweils ihre eigene Wahrnehmung des Krieges verbreiten möchten. Das zuvor erwähnte Video des ukrainischen Verteidigungsministeriums spielt natürlich mit den Ängsten der Menschen in Westeuropa. Auch die Auftritte der beiden Präsidenten, Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj sind natürlich berechnend: Der Kommunikationsexperte Christian Schicha erklärt in einem Interview des ZDF, dass Selenskyj „in Handyvideos im militärgrünen T-Shirt, wo er sich mit pathetischen Worten als Kämpfer darstellt und die Herzen seines Volkes erreicht“ auftrete, die russische Seite hingegen „über klassische Ansprachen“ ihr Zielpublikum zu erreichen suche. Vorteile in der Außendarstellung sieht Schicha auf der ukrainischen Seite: Selenskyj zeige sich als „Meister der strategischen Kommunikation“, der die modernen Medien geschickt einsetze.[5] Ähnlich sehen dies Ingo Neumayer und Alex Getmann auf WDR.de, die auf die frühere Karriere des ukrainischen Präsidenten als Schauspieler und Regisseur verweisen.[6]

Journalist*innen und Redaktionen müssen vorsichtig sein, aufwendig recherchieren, gründlich abwägen, ob ein Bild bzw. ein Video gezeigt wird oder nicht, auch wenn nur leichte Zweifel an ihrer Echtheit vorliegen mögen. Zudem ist Voreingenommenheit zu vermeiden: Selbst wenn die zuvor genannten Beispiele für Falschinformationen vornehmlich von russischer Seite stammen, warnt der Medienwissenschaftler Florian Zollmann vor einem einfachen „Gut/Böse-Schema“, weil die Zahl der unabhängigen Beobachter*innen des Krieges gering sei.[7]

Verweise


[1] Imre Grimm: Krieg in sozialen Netzwerken. Traut euren Augen nicht! Im Krieg der Bilder ist praktisch alles möglich. Online auf den Seiten des Redaktionsnetzwerks Deutschland unter: https://www.rnd.de/medien/bilder-zum-krieg-in-der-ukraine-was-ist-echt-was-faelschung-ARJX75LDS5GGFKQRNH7EXIDPXU.html (vom 16.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[2] Elisabeth Urban: Wie Deepfakes russische Propaganda im Netz verbreiten. Online auf den Seiten von t3n.de unter: https://t3n.de/news/deepfakes-russische-propaganda-1455520/ (vom 01.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[3] Grimm (rnd.de vom 16.03.2022, s. Anm. 1)


[4] Patrick Gensing: Desinformation zum Ukraine-Krieg. Veraltete Bilder und fiktive Journalisten. Online auf den Seiten der Tagesschau unter: https://www.tagesschau.de/faktenfinder/krieg-ukraine-bilder-videos-101.html (vom 01.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[5] ZDF.de: Von Kampfgeist und Bildkontrolle. Wie Selenskyj und Putin kommunizieren. Online unter: https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/kommunikation-information-medien-russland-ukraine-krieg-100.html (vom 02.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[6] Ingo Neumayer und Alex Getmann: Ukraine-Krieg: Propagandaschlacht und Kampf um die Bilder. Online auf den Seiten des WDR unter: https://www1.wdr.de/nachrichten/ukraine-russland-krieg-informationen-propaganda-100.html (vom 05.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[7] Ingo Neumayer und Alex Getmann (wdr.de vom 05.03.2022, s. Anm. 6).

Grausame und gewalthaltige Bilder aus dem Krieg – zeigen oder nicht zeigen?

Die Presse ist längst nicht mehr ein Filter für die Nachrichten[1] – und auch nicht mehr dafür, dass und welche Bilder (bewegt und unbewegt) die Öffentlichkeit erreichen. Und so finden sich Bilder aus dem Ukraine-Krieg mittlerweile überall: in klassischen Medien (Fernsehen, Zeitschriften, Zeitungen), im Internet und hier sowohl auf journalistischen Websites als auch in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Twitter und, ja, auch (und immer mehr) bei TikTok, das vornehmlich von Kindern und jüngeren Jugendlichen genutzt wird. Die Bilder stammen von professionellen Fotojournalist*innen, Beteiligten am Krieg (Soldaten, Helfer usw.), von Menschen, die im Kriegsgebiet wohnen.

Kriegsbilder auf TikTok; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell

Kriegsbilder auf TikTok; Bild: Grimme-Institut / Michael Schnell

Wenn Medien über schreckliche Ereignisse berichten – Erdbeben, Krieg, Hungersnöte etc. – ist die Diskussion, was in Bild und Video gezeigt werden sollte oder darf und was nicht, meist auch schon auf dem Weg. Spätestens nachdem die New York Times Anfang März 2022 das Bild der Fotografin und Pulitzer-Preisträgerin Lynsey Addario (s. o.) auf die Startseite gesetzt hat, das eine tote Familie auf einer Straße in der ukrainischen Stadt Irpin zeigt, begann die Diskussion über dieses Thema erneut.

Mit Bezug auf den Pressekodex, also den journalistisch-ethischen Grundregeln des Deutschen Presserats, verweisen einzelne Artikel einerseits auf die Frage nach der Würde der Getöteten, andererseits auf die Wirkungen solcher Bilder auf Kinder und Jugendliche. Ein paar Beispiele:

  • Andrej Reisin beschreibt in seinem Kommentar für uebermedien.de zunächst die Beweggründe der Fotografin und der Redaktion der New York Times, das Bild sogar ohne Verpixeln der Gesichter abzubilden, betont aber die anderen ethischen Maßstäbe in Deutschland. Mit Blick auf die Aussage des überlebenden Vaters der getöteten Familie, der die Veröffentlichung für wichtig und vertretbar hält, schlussfolgert Reisin, dass es offensichtlich „zwischen der Moral des Publikums (oder eines Großteils) und dem tatsächlichen Empfinden der Angehörigen von Opfern“ eine klaffende Lücke gebe. Er räumt aber ein, dass solche Kriegsbilder für traumatisierte Menschen in Deutschland durchaus schwerwiegende Folgen haben könnten, und empfiehlt Warnhinweise für Social-Media-Beiträge. Fazit: Die Würde dieser Opfer werde „nicht wiederhergestellt, wenn wir beschämt ihre Gesichter verpixeln. Wir machen das Geschehene damit nur etwas erträglicher – für uns.“[2]
  • Anders beurteilt dies Dario Veréb in der Neuen Zürcher Zeitung: Da Bilder immer nur einen kleinen Ausschnitt von den Ereignissen zeigen können, muss eine kritische Quellen- und Faktenprüfung sowie Kontextualisierung hinzukommen – und gerade das habe die New York Times nicht geliefert. Die Umstände und die Identität der Toten sei nicht geprüft worden, so dass der überlebende Vater, der nicht mit seiner Familie unterwegs war, über das Foto vom Tod seiner Frau und seiner Kinder erfahren musste. Auch wenn der Vater im Nachhinein mit der Veröffentlichung einverstanden war, habe die Zeitung „journalistisch fahrlässig“ gehandelt. Veréb zitiert zudem die Berliner Kunsthistorikerin Charlotte Klonk, die grundsätzlich bezweifelt, dass zur Darstellung des Kriegsgrauens solche Bilder notwendig seien.[3]
  • Der Standard aus Österreich führt verschiedene Einschätzungen an: Der deutsche Medienwissenschaftler Christian Schicha kritisiert vor allem, dass die getöteten Menschen identifizierbar gewesen seien. Da das Foto direkt auf der Startseite abgebildet war, sei es für Kinder und Jugendliche frei zugänglich gewesen, die „durch so eine Aufnahme verstört oder traumatisiert werden“ könnten. Die Kriegs- und Krisenreporterin Petra Ramsauer hingegen meint, dass solch ein Bild als „zeithistorisches Dokument der Kriegsverbrechen Russlands“ und „Paradebeispiel für den Bruch jeglichen Völkerrechts“ gezeigt werden sollte.[4]
  • Marlis Prinzing, Journalismusforscherin und Professorin an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, beschreibt in einem Gastbeitrag auf meedia.de den Spagat zwischen der Verpflichtung, Kriegsverbrechen zu dokumentieren, und der Veröffentlichung von Bildern mit Menschen voller Todesangst, mit Sterbenden oder Leichen. Sie stellt klar: „Es gibt kein Schwarz-Weiß, sondern stets Bandbreiten zwischen jenen, die mehr zumuten, und jenen, denen vieles zu viel ist.“ Wichtig sei für Journalist*innen, die Grundzüge ihrer Berufsethik zu kennen und zu trainieren, um schließlich Entscheidungen treffen zu können.[5]

Guido Schmidtke, der Bildredakteur des Magazins Stern, erklärt, dass ein Foto „meist einen schnelleren und stärkeren Eindruck auf die Betrachter:innen ausüben [kann] als ein umfangreicher Text. Emotionen werden direkter transportiert, Unfassbares wird zur Realität.“[6] Etwas im Bewusstsein Nicht-am-Krieg-Beteiligter zur Realität werden lassen – das versuchen natürlich auch Nicht-Journalist*innen, die mit ihrem Smartphone das Kriegsgeschehen fotografieren oder filmen und die Bilder über soziale Netzwerke und Messenger verbreiten. Sie möchten aus nachvollziehbaren Gründen das „realistische“ Geschehen vor Ort aufzeigen – machen sich dabei aber vielfach weniger Gedanken um die oben angesprochenen Themen: wie Bilder wirken, wie sie wirken, wenn sie ohne Kontext, ohne kritische Quellen- und Faktenprüfung auf dem Bildschirm erscheinen, wie sie individuell (zum Beispiel auf eine Person, die bereits Kriegserfahrungen hat) wirken, inwieweit die Bilder überhaupt die Realität abbilden können und was ethisch vertretbar und damit zeigbar ist.

Verweise


[1] Martin Schuster: Fotopsychologie. Fotos sehen, verstehen, gestalten. 3. Auflage. Berlin 2020, S. 183.


[2] Andrej Reisin: Bilder des Krieges. Warum wir zeigen sollten, was wir nicht sehen wollen. Kommentar auf den Seiten von Übermedien online unter: https://uebermedien.de/69348/ukraine-bilder-des-krieges-warum-wir-zeigen-sollten-was-wir-nicht-sehen-wollen/ (vom 12.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[3] Dario Veréb: Krieg in der Ukraine: Dürfen Medien die Gesichter von Toten zeigen? Online auf den Seiten der NZZ unter: https://www.nzz.ch/fotografie/wenn-der-tod-einzug-gebietet-ld.1674836 (vom 21.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[4] Oliver Mark: Verstörende Fotos: Wie sollen Medien die Brutalität des Krieges zeigen? Online auf den Seiten des Standards unter: https://www.derstandard.de/story/2000133906675/verstoerende-fotos-wie-sollen-medien-die-brutalitaet-des-krieges-zeigen (vom 03.03.2022, abgerufen am 05.04.2022).


[5] Marlis Prinzing: Ukraine-Krieg: Bilder, die wir sehen müssen. Gastbeitrag vom 24.03.2022 online auf meedia.de unter https://meedia.de/2022/03/24/ukraine-krieg-bilder-die-wir-sehen-muessen/ (abgerufen am 31.03.2022).


[6] Guido Schmidtke: „‘Auch die schlimmen Situationen vermitteln‘: stern-Bildredakteur über den Umgang mit Bildern aus dem Krieg“. Interview vom 28.03.2022 online auf stern.de unter: https://www.stern.de/fotografie/stern-bildredakteur-erklaert-im-interview-den-umgang-mit-kriegs-bildern-31737038.html (abgerufen am 05.04.2022)